Bewegung beginnt im Inneren – nicht an der Ausrüstung
Bewegung verstehen heisst das Pferd verstehen
Warum biomechanisch korrektes Pferdetraining Zeit, Wissen und Tiefe braucht
August 2025
Warum ein "ausgebildetes" Pferd allein nicht genügt
Viele Menschen verbinden mit dem Begriff „Biomechanische Ausbildung“ klare Lektionen, Übungen und ein festes Ziel. Oft besteht die Vorstellung, dass sich in ein paar Monaten – oder vielleicht in einem Jahr – bestimmte Erfolge einstellen. Ein Pferd soll danach festgelegte Bewegungen ausführen können, „an den Hilfen stehen“ oder sich in einer bestimmten Form präsentieren.
Doch diese Sichtweise greift aus meiner Sicht viel zu kurz. Echte und nachhaltige Ausbildung ist keine Abfolge von Lektionen und auch kein Bootcamp, nach dem man ein „fertiges“ Pferd erwarten darf.
Ausbildung bedeutet weit mehr: Sie ist ein lebenslanger Prozess, ein gemeinsamer Weg von Pferd und Mensch.
Dabei ist es mir wichtig zu betonen: Natürlich kann ein Trainer ein Pferd ausbilden. Unter Anleitung eines Trainers kann ein Pferd auch ein gewünschtes Bild zeigen. Doch dieses Bild wird es nicht automatisch bei jedem Menschen zeigen – denn auch der Mensch selbst muss lernen.
Reiten ist kein Einzelsport!
Beide – Pferd und Mensch – müssen sich entwickeln und auf einem ähnlichen Ausbildungsstand sein. Genau das macht nachhaltiges, faires und gesundes Training aus. Das Pferd lernt nicht starre Lektionen, sondern es lernt auf den Menschen zu hören, mit ihm zusammenzuarbeiten und auf seine Signale zu reagieren. Wenn die richtigen Fragen nicht gestellt werden, kann das Pferd auch keine „richtigen“ Antworten geben.
Die klassische Reitkunst betont seit jeher, dass es nicht um äussere Effekte geht, sondern um das Wiederherstellen natürlicher Balance. General Decarpentry schrieb:
„Das erste Ziel der akademischen Reitkunst besteht darin, dem gerittenen Pferd die Anmut der Haltung und Bewegungen zurückzugeben, die es in Freiheit besass, die aber durch das Gewicht und die Einwirkung des Reiters verlorengehen.“
Und genau das ist die Aufgabe: nicht eine Form aufzuzwingen, sondern dem Pferd zurückzugeben, was es von Natur aus in sich trägt.
Doch dieser Weg gelingt nur gemeinsam. Diese Art der Ausbildung – und vor allem ihre praktische Ausführung – verlangt Wissen, Können und die Bereitschaft des Menschen, sich immer wieder weiterzubilden.
Warum die Grundlagen unverzichtbar sind
Ich bekomme oft Anfragen von Menschen, die begeistert davon sind, dass ich nach den Prinzipien des Natural Horsemanship arbeite und gleichzeitig Wert auf biomechanisch korrekte Bewegung lege. Viele möchten genau diese Kombination lernen – und es freut mich riesig, wenn dieses Bewusstsein für gesunde Bewegung wächst.
Doch dann treffe ich manchmal Pferde, die schon den Weg vom Stall bis zum Reitplatz kaum bewältigen können, ohne in einen stark erregten Zustand zu geraten. Auf dem Platz angekommen verfallen sie oft in Verhaltensmuster wie ständiges Umherlaufen, Losrennen oder sich Losreissen – nicht aus Trotz, sondern weil ihnen bisher die Erfahrung fehlt, diese Situation anders zu bewältigen.
In solchen Situationen kann und will ich nicht mit anspruchsvoller Bewegungsarbeit beginnen. Biomechanisch korrektes Training setzt Konzentration, Zuhören und gegenseitiges Verständnis voraus. Ein Pferd, das innerlich ständig im Ausnahmezustand ist, kann diese Anforderungen noch gar nicht erfüllen. (mehr über dieses Thema habe ich in meinem Blogeintrag " Bevor du trainierst – verstehe wie dein Pferd die Welt erlebt." geschrieben)
Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt: Bei dieser Arbeit bewegen wir uns sehr nah am Pferd. Ob Trainer oder Pferdebesitzer – wir müssen hochkonzentriert sein. Es ist entscheidend, dass wir uns in einem gewissen Rahmen darauf verlassen können, dass das Pferd unseren Raum respektiert, unsere Körpersprache wahrnimmt und darauf reagieren kann.
Und genau hier liegt die grosse Herausforderung: Ja, ich biete Training in biomechanisch korrekter Bewegung an. Ich schreibe und spreche darüber, weil es mir ein Herzensthema ist, hier mehr Bewusstsein zu schaffen. Doch diese Arbeit ist die Hohe Schule des Reitens – und sie setzt Grundlagen voraus, die nicht übersprungen werden können.
Das bedeutet nicht, dass ein Pferd perfekt sein muss. Natürlich darf es mal nach seiner Herde wiehern, sich erschrecken oder seine Gefühle ausdrücken. Dieses Verhalten ist sogar wertvoll, denn es zeigt mir, dass das Pferd präsent ist, dass es sich ausdrückt und mitteilt.
Aber die Basis muss stimmen: Alltagssicherheit, Ansprechbarkeit, die Fähigkeit bei Reizen innerlich in Balance zu bleiben oder sich zumindest schnell wieder regulieren zu können.
Erst wenn diese Grundlage vorhanden ist – emotional wie körperlich –, können wir den nächsten Schritt gehen: in Richtung Tragkraft, Selbsthaltung und gesunde Bewegung.
Die Ausbildungsstufen – Schritt für Schritt
Um das oben erklärte greifbarer zu machen, unterteile ich die Ausbildung grob in verschiedene Stufen. Sie sind nicht als starres System zu verstehen, sondern als Orientierung.
Denn jedes Pferd bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit, und jedes Pferd braucht in einzelnen Bereichen mehr oder weniger Unterstützung.
Wichtig ist: Diese Schritte greifen ineinander über. Es gibt keine klaren Grenzen, wann der nächste beginnt und der vorherige „aufhört“.
Eigentlich ist, aus meiner Sicht, kein Schritt jemals vollständig abgeschlossen – er wird lediglich gefestigt und begleitet das Pferd durch seine gesamte Ausbildung hindurch.
1. Alltagshandling & Sicherheit
Hier beginnt jede Ausbildung. Das Pferd lernt, sich in unserer Welt sicher zu bewegen. Alltägliche Dinge wie das Führen, Begegnungen mit Fahrzeugen, das Stehen beim Putzen oder Hufgeben.
In dieser Phase geht es darum, dass das Pferd Reize wahrnehmen darf, ohne den Kontakt zum Menschen zu verlieren. Es soll nicht abgestumpft werden, sondern lernen, in Verbindung und im Parasympathikus zu bleiben. Es soll erfahren, dass wir mit ihm kommunizieren – klar, strukturiert und verlässlich.
Nur wenn das Nervensystem Ruhe findet, kann das Pferd neue Erfahrungen abspeichern und wirklich nachhaltig lernen.
2. Kommunikation & Vorbereitung
Steht diese Basis, beginnt der nächste Schritt. Hier geht es um die gemeinsame Sprache, um die Verfeinerung der Kommunikation und um das Übertragen von Bekanntem auf neue Situationen.
Gerade in dieser Phase wird das Pferd nicht einfach an Dinge „gewöhnt“, wie Sattel oder Reiter. Vielmehr wird es so vorbereitet, dass es diese neuen Erfahrungen gelassen annehmen kann.
Das gelingt, weil es in den vorherigen Schritten gelernt hat, mit Stress umzugehen, weil es Vertrauen gefasst hat und weil es beginnt, sich selbst und seinen Körper besser zu verstehen.
Gleichzeitig merkt es, dass unsere Kommunikation, unsere Klarheit und unsere Sprache auch in neuen, unbekannten oder stressigen Situationen zuverlässig da sind.
So können wir nach und nach alle Schritte gehen, die notwendig sind, damit aus dem Pferd ein verlässlicher Alltagspartner und ein ausgebildetes Reitpferd werden kann.
3. Bewegungslehre – gesunde Bewegung ermöglichen
Erst wenn die Grundlagen gelegt sind, folgt die eigentliche Bewegungsarbeit. Hier geht es um Balance, Selbsthaltung, Tragkraft und Losgelassenheit.
General Decarpentry beschrieb sehr treffend, warum diese Arbeit so notwendig ist:
„Unter dem Reiter verschiebt sich der natürliche Schwerpunkt des Pferdes nach vorn, was das Gleichgewicht ohne Training stören kann.“
Die Aufgabe der Ausbildung besteht darin, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen. Das gelingt, indem die Hinterhand vermehrt Last aufnimmt, die Hanken gebeugt werden und die Kruppe sinkt. Dadurch wird die Vorhand entlastet, der Widerrist hebt sich – und echte Versammlung entsteht. (Dies ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt)
Oder wie Decarpentry es auf den Punkt brachte:
„Nicht das Hochnehmen des Halses, sondern das Senken der Kruppe ist das eigentliche Ziel.“
Das Entscheidende dabei: Wir müssen das Pferd nicht „neu erfinden“. Alles, was wir suchen – die Fähigkeit, sich selbst zu tragen, Schwung, Aufrichtung und ein harmonischer Bewegungsfluss – steckt bereits in jedem Pferd.
Unsere Aufgabe ist es nicht, diese Qualitäten künstlich zu erzwingen, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich entfalten können.
Das bedeutet: Geduld, Wiederholung, Klarheit – und echte Verbindung.
Der Preis der schnellen Resultate: Gesundheit und Partnerschaft
Ein Pferd, das sich in einer runden Haltung zeigt, mit scheinbar gesetzter Hinterhand und schöner Oberlinie, wirkt auf den ersten Blick beeindruckend. Viele sehen darin den Beweis für eine gelungene Ausbildung.
Doch der Schein trügt: Allzu oft entstehen solche Bilder nicht aus innerer Bereitschaft oder echter Tragkraft, sondern durch äussere Einwirkung – durch Mechanik, Druck oder Hilfsmittel. Das Pferd wird in eine Form gebracht, anstatt dass es diese Form aus sich selbst heraus findet.
Das Ergebnis sind schnelle, sichtbare Erfolge – und genau das macht diese Methoden so verlockend. Doch was schnell geht, geht selten tief. Statt Balance entsteht Spannung, statt Verbindung entsteht Reaktion, statt Mitdenken entsteht Gehorsam. Und langfristig leidet die körperliche wie auch die mentale Gesundheit des Pferdes.
Eine solche Ausbildung ist nie nachhaltig – und unsere Pferde zeigen uns das deutlich: in ihrem Körper, in ihrem Gangbild oder in ihrem Verhalten.
Das Schwierige daran ist: Wir haben vielfach verlernt – oder vielleicht nie wirklich gelernt –, wie ein gesundes Pferd tatsächlich aussieht, wie es sich bewegt und mit welcher grossen Bereitschaft es mit uns zusammenarbeiten würde, wenn wir ihm die richtigen Bedingungen schaffen.
Leider ist es in der Pferdewelt beinahe zur Normalität geworden, dass Pferde mit 18 Jahren oder sogar deutlich früher in „Pension“ gehen müssen: wegen Sehnenschäden, Rückenproblemen, Zahnproblemen und vielem mehr. Oft sind die Anzeichen dafür schon Jahre vorher erkennbar – doch sie werden nicht wahrgenommen.
Trageerschöpfung, Gallen, verdrehte Beine, deformierte Hufe, Verhaltensstörungen – all das sind Warnsignale die wir ernst nehmen müssen.
So geschieht es, dass viele Pferde schon in der Hälfte ihres Lebens körperlich so überlastet sind, dass sie sich nicht mehr schmerzfrei bewegen können.
Ein Pferd, das dagegen gelernt hat, sich selbst zu regulieren, sich zu tragen und in Verbindung mit dem Menschen zu arbeiten, bewegt sich ganz anders. Seine Bewegung entsteht von innen heraus – und sie bleibt gesund, weil sie aus echtem Gleichgewicht kommt.
Darum müssen wir wieder lernen hinzuschauen. Wir müssen uns fragen: Wie sieht ein gesundes Pferd aus? Wie bewegt es sich? Wie verhält es sich? Das ist manchmal unangenehm oder sogar überfordernd – aber notwendig.
Denn Pferde sind so sanftmütig und so voller Hingabe, dass sie Schmerzen oder Unwohlsein oft still ertragen und trotzdem noch ihr Bestes geben. Und diejenigen Pferde, die ihr Unwohlsein zeigen, werden allzu häufig als „schwierig“ oder „ungehorsam“ abgestempelt – und mit noch mehr Druck, Zwang oder Ausbindern bestraft.
Doch echte, gesunde Bewegung entsteht niemals durch Kraft, Druck oder Ausrüstungsgegenstände. Sie entsteht im Inneren – aus Balance, Vertrauen und Verbindung.
Eine lohnenswerte Reise
Gesunderhaltendes Pferdetraining ist keine Methode, kein System und auch kein Wochenendkurs. Es ist eine Haltung. Es ist der tägliche Wille, hinzusehen, dein Wissen zu erweitern, zu spüren und in kleinen Schritten Fortschritte zu machen.
Wer diesen Weg geht, wird keine schnellen Pokale gewinnen. Aber er gewinnt etwas viel Wertvolleres:
- ein Pferd das sich selbst trägt, weil es gelernt hat wie,
- ein Pferd das mitarbeitet, weil es will – nicht weil es muss,
- ein Pferd das uns sieht – und dem wir zuhören lernen,
- und vor allem ein gesundes Pferd mit Freude an Bewegung.
Dieser Weg fordert uns heraus. Er verlangt Geduld, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, immer wieder an uns selbst zu arbeiten. Manchmal fühlt es sich mühsam und frustrierend an, weil die Fortschritte klein wirken und der Rückschritt gross. Doch genau in diesen Momenten wächst Vertrauen – das Vertrauen des Pferdes in uns, aber auch unser Vertrauen in unsere eigene Fähigkeit, wirklich Partner zu sein.
Und genau hier liegt die eigentliche Belohnung: Ein Pferd, das in Balance ist, zeigt nicht nur Schönheit in der Bewegung, sondern auch innere Ruhe, Gelassenheit und Freude an der Zusammenarbeit. Es wird zum echten Gefährten – nicht weil es funktioniert, sondern weil es sich entschieden hat mit uns zu gehen.
Auch wir selbst verändern uns auf diesem Weg. Wir entwickeln mehr Wahrnehmung, mehr Geduld und mehr Verständnis. Wir lernen, präsent zu sein, zuzuhören und unsere eigene innere Balance zu finden. Das macht uns nicht nur zu besseren Reitern, sondern zu besseren Menschen – achtsamer, klarer und bewusster.
Der Weg ist nicht immer leicht. Aber er ist wichtig. Denn er führt zu einer Partnerschaft, die über Lektionen und „schöne Bilder“ hinausgeht. Er führt zu einem Miteinander, das gesund erhält – innerlich wie äusserlich.
Das Allerwichtigste ist: Dieser Weg erhält unsere Pferde – unsere treuen Begleiter, diese Tiere, die wir so sehr lieben – gesund. Und am Ende frage ich mich immer wieder: Was könnten wir uns mehr wünschen, als ein Pferd, das zufrieden, glücklich und voller Lebensfreude an unserer Seite steht? Sind wir es unseren Pferden nicht schuldig, diesen Weg zu gehen?
Und denk immer daran: Es geht nicht darum, alles von Anfang an perfekt zu machen – das ist schlicht unmöglich.
Für mich zählt dass wir hinschauen, uns selbst immer wieder hinterfragen und bereit sind, Schritt für Schritt loszugehen auch wenn es frustrierend oder unangenehm ist.
Wenn wir lernen, unseren Pferden wirklich zuzuhören und sie ernst zu nehmen und lernen sie zu verstehen, dann verändert sich alles. Genau dafür setze ich mich ein – für Pferde, die gesund bleiben, und für Menschen die mit ihnen gemeinsam wachsen wollen.